Pfingsten in der Dänischen Südsee

ein Bericht von Klaus "Störte" Hömberger
(einem der segelnden Urgesteine im Wickingerland)

Die Sonne scheint, die vom leichten Südwest gekräuselte Wasseroberfläche der Schlei spiegelt sich im blitzblank polierten Rumpf unserer Scharhörn.  Gestern Abend sind wir hier in Kappeln angekommen und hatten einen romantischen Bummel durch urige Kneipen unternommen. Kappeln ist schon eine Perle an der unteren Schlei. Sieht man von der hochmodernen Klappbrücke einmal ab, wirkt hier alles noch sehr urtümlich.

Das „Deekelsen“ aus dem Landarzt hatte uns in vielen Jahren noch nie enttäuscht. Für uns ist Kappeln immer wieder ein idealer Ausgangshafen in die dänischen Gewässer. Die Euphorie über den Saisonbeginn war groß, weshalb wir erst sehr spät in die Kojen kamen. Wir sind noch etwas müde und versammeln uns erst gegen 10 Uhr zum gemütlichen Frühstück im Cockpit unserer maritimen Veranda. Draußen im Fahrwasser ist schon einiges los, das Pfingstwochenende steht bevor. „Wo wollen wir eigentlich hin, wir hatten uns doch noch alles offen gelassen?“ Meine Freundin holt mich in die Wirklichkeit zurück. In Gedanken war ich schon draußen…

„Der Wetterbericht sagt für die nächsten Tage leichten Südwest voraus. Immer zwischen 3 und 4 Windstärken!“ Ich versuche die Phantasie von Anja etwas anzukurbeln. „Wie wär’s mit dem Kleinen Belt?“ „Und von da auf der Rückreise durch die dänische Südsee. Mit Faaborg, Svendborg, Aerösköbing und Marstal“, füge ich hinzu.

Zwei Stunden später sind wir schon in der Enge von Rabelsund und voraus im Dunst liegt die unverwechselbare Silhouette von Schleimünde. Eine Ecke mit Geschichte. Sogar Erskine Childers widmete Schleimünde im „Rätsel der Sandbank“ ein eigenes Kapitel. Es dauert nicht lange und unsere Kappelner Freunde winken uns zu. Wir haben Schleimündes berühmte Giftbude querab, ein quirliges Lokal mit feinen Fischgerichten. Ein lohnendes Ziel übers Wochenende. Ein andermal, denke ich, wir wollen weiter. Draußen in Lee der Ansteuerungstonne wechseln wir unsere Windjacken gegen dicke Parka aus. Es ist noch lausig kalt hier draußen, die Ostsee hat gerade mal 8 Grad!

„Warum genügt dir eigentlich nicht der Kleine Belt, warum soll es denn auch noch in die Südsee gehen“, fragt mich Anja, als wir Kalkgrund Leuchtturm querab haben. Ich sage ihr, dass es sich hier um eine traditionelle Angelegenheit handelt. Zudem auch noch um eine sinnvolle: Riesige Wasserflächen der Dänischen Südsee sind sehr flach. Das bedeutet, dass sich in diesem Seegebiet das Wasser im Frühjahr viel schneller erwärmt als in den Belten. Liegt man abends in einem der lauschigen kleinen Häfen der zahlreichen Inseln, streicht der Wind über das Wasser und erwärmt sich so angenehm, dass es möglich wird, auch ohne Winterklamotten den Abend bei einer Flasche Lübecker Rotspon an Deck zu verbringen. Das ist der Hauptgrund, warum sich das Inselmeer südlich von Fünen im Frühjahr besonders empfiehlt. Und die gelben Rapsfelder natürlich!

In den frühen Abendstunden haben wir im Stadthafen von Sonderburg festgemacht. Wir sind nicht allein. Viele Segler aus der Schlei und aus Kiel verschlägt es regelmäßig zu Pfingsten in die romantische Metropole Sönderjyllands. Sonderburg ist eine der reichsten Kommunen in Dänemark. Einen Eindruck dieses Wohlstandes bekommen wir sofort nach dem Anlegen. Die Steganlagen sind nagelneu, alles ist supersauber, die pittoreske Häuserfront wie aus dem Ei gepellt.

Die Küche bleibt heute Abend kalt. Wir brauchen nur die Straßenseite zu wechseln, schon sitzen wir in einem typischen dänischen Restaurant. Uns ist nach Fisch zumute und eine traumhaft zubereitete Scholle wird uns wenig später serviert. Ab und zu schauen wir nach draußen, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Dabei entdecken wir, dass wir einen Nachbarn bekommen haben. Mein Freund Jonnyduh hat mit seinem Traditionssegler neben uns festgemacht. „Das wird wohl wieder eine lange Nacht“, meint Anja. „Das kann schon sein“, antworte ich und in meiner Stimme kann man schon die Vorfreude auf die Zeit nach den Essen erahnen. Jonnyduh ist ein Kenner der erlesensten schottischen Whiskys. Und seine Frau bereitet dazu sagenhafte Dips.

Nachdem wir erneut erst im Morgengrauen den Weg in die Koje gefunden hatten, ist es schon lange nach Mittag! Wir warten auf das Öffnen der Brücke. Nun soll es losgehen, die Autos oben auf der Fahrbahn halten an. Zügig geht es nun den romantischen Als – Sund hoch. Nach 4 Meilen reinem Nordkurs legen wir das Ruder hart backbord. Der weitläufige Als – Fjord liegt vor uns. Heute ist uns weniger nach Nachbarliegern und Tanzmusik bis in die frühen Morgenstunden zumute. Was wir jetzt suchen, ist Ruhe und Abgeschiedenheit. Die finden wir auf Kalvö, der kleinen Halbinsel im inneren Teil des Genner Fjords. Die Gegend um den kleinen Hafen ist sehr hügelig, der Knivsbjerg über 90 Meter hoch! Alpine Verhältnisse für den südlichen Teil Dänemarks. Irgendwie können wir uns leicht vorstellen, dass hier einmal Wikinger gelebt haben. Die Gegend ist wirklich sehr verwunschen!

Nach einem gemütlichen Spaziergang rund um die kleine Insel Kalvö, geht es abends früh zur Koje. Morgen wollen wir früh los, ein längerer Schlag nach Osten ist geplant.

Gleißendes Silber, dieser Gedanke kommt mir, als wir raumschots den Kleinen Belt queren und Kurs nehmen auf die dänische Südsee. Abends liegen wir in Aerösköbing und freuen uns über das laue Lüftchen, das über den Hafen weht. „Das sind ja ganz andere Temperaturen als bei uns zuhause“, stellt Anja fest, während sie in aller Ruhe eine Flasche echten Champagner auf den Cockpittisch stellt. „Habe ich in der Vorfreude auf Aerösköbing gekauft!“ Sie lächelt und ich sehe, wie sehr sie sich freut, endlich wieder hier zu sein. Das sonnige Wetter der letzten Tage hat die See aufgewärmt, und in diesem recht flachen Teil der Ostsee haben wir schon 15° Wassertemperatur. Der Wind wird vorgewärmt und die Abende an Oberdeck sind nicht mehr so lausig kalt, wie wir das von Kappeln noch in Erinnerung haben.

Für den Abend schlage ich Anja eine feine Adresse vor: Das Aerö-Hotel mitten in der kleinen Märchenstadt. Langusten, Krabben, Straußenfilet, Seezungenröllchen und ein kleiner Hummer sorgen wenig später für einen perfekten Schlemmerabend. Dazu erlesene Weine und zum Schluss der legendäre Jubi! Herz, was willst du mehr!

So geht es durch die folgenden Tage. Faaborg, Svendborg, Troense und Marstal, Perlen an einer wunderschönen Schnur.
„Schade, dass wir nur eine Woche Zeit hatten“, sage ich versonnen, als Schleimünde wieder querab kommt. Mit einem Augenzwinkern erwidert Anja: „Lass uns unsere Firma im Sommer doch mal 6 Wochen dicht machen und einfach lossegeln, zum Beispiel nach Aerö zu unseren leckeren Langusten!“
Gegenüber guten Ideen war ich schon immer machtlos!